Pressemitteilung Aktuell Katar 16. November 2023

Katar: Ein Jahr nach der WM stehen Fortschritte still

Das Bild zeigt zwei Personen von hinten, die auf einen Bildschirm schauen. Darauf steht "FIFA World Cup"

Amnesty-Aktion im Museum des Fußballweltverbandes FIFA in Zürich gegen die Ausbeutung von Arbeiter*innen im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar (9. März 2023)

Ein Jahr nach Beginn der FIFA Fußballweltmeisterschaft der Männer in Katar sind Fortschritte für Arbeitsmigrant*innen größtenteils zum Erliegen gekommen, so Amnesty International in einem heute veröffentlichten Briefing. Besserungen gibt es beim Hitzeschutz sowie der Ausreise. Probleme sind weiterhin die illegalen Anwerbegebühren, Lohndiebstahl, Hürden bei Jobwechsel sowie angemessene Entschädigung seitens Katar und der FIFA.

Das Briefing "A Legacy in Jeopardy" zeigt, dass die Arbeitnehmer*innenrechte in Katar seit dem Ende der Weltmeisterschaft kaum verbessert wurden. Auch Entschädigungen für hunderttausende Arbeiter*innen, die im Zusammenhang mit der FIFA Weltmeisterschaft Menschenrechtsverstöße erlitten haben, bleiben aus. Begrenzte Fortschritte in den Bereichen Hitzeschutz und Ausreise werden überschattet durch Missstände in den Bereichen illegale Anwerbegebühren, Lohndiebstahl und Arbeitsplatzwechsel.

Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland, sagt: "Katar versäumt es, seine vor der Fußballweltmeisterschaft eingeführten Arbeitsreformen voranzutreiben oder auch nur ordnungsgemäß durchzusetzen. Das ist nicht das positive Erbe, das die katarische Regierung den Arbeitsmigrant*innen mit der WM versprochen hatte. Wir fordern die Regierung dringend auf, den Schutz von Arbeitnehmer*innenrechten zu verbessern – vor allem im Hinblick auf illegale Anwerbegebühren, Lohndiebstahl und Arbeitsplatzwechsel.

Vor und während des Turniers kam es zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen – hunderttausende Arbeitsmigrant*innen haben ihr Geld, ihre Gesundheit und teilweise sogar ihr Leben verloren. Die FIFA und Katar müssen sich endlich auf konkrete Fahrpläne zur angemessenen Entschädigung für alle Betroffenen von Rechtsverstößen einigen. Entschädigungen dürfen nicht weiter verweigert oder verzögert werden.

Die FIFA muss aus ihren Fehlern lernen und ihre Verantwortung für die Menschenrechte ernst nehmen. Dazu gehört zwingend, Menschenrechte bei der Vergabe von zukünftigen Turnieren in den Mittelpunkt der Entscheidung zu stellen."

Unzureichende Reformen und mangelnde Umsetzung

Seit dem Ende der WM sind die Fortschritte im Arbeitsrecht ins Stocken geraten. Positive Entwicklungen sind, dass die meisten Arbeitsmigrant*innen das Land nun ohne Einschränkungen verlassen können. Außerdem werden Gesetze zum Arbeiten bei hohen Temperaturen besser durchgesetzt, insbesondere durch ein Verbot von Bauarbeiten im Freien während der heißesten Tageszeit. Jenseits dieser Verbesserungen zeichnet sich jedoch ein düsteres Bild ab von anhaltender Ausbeutung und mangelndem politischen Willen zur Beseitigung der Mängel.

Amnesty-Posting vom März 2023 auf X (ehemals Twitter):

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Obwohl Arbeitsmigrant*innen keine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" mehr von den Arbeitgeber*innen benötigen, um den Job zu wechseln, müssen sie in der Praxis immer noch oft eine Genehmigung einholen. Aus den Daten der Regierung geht hervor, dass in den ersten acht Monaten 2023 zwar mehr als 150.000 Menschen den Arbeitsplatz gewechselt haben, dass aber im gleichen Zeitraum ein Drittel der Anträge von Arbeitnehmer*innen auf einen Arbeitsplatzwechsel abgelehnt wurden.

Darüber hinaus annullieren Arbeitgeber*innen bei Kritik oder bei Wunsch nach Arbeitsplatzwechsel nach wie vor Aufenthaltsgenehmigungen oder zeigen die Arbeiter*innen wegen des unerlaubten Entfernens vom Arbeitsplatz an.

Lohndiebstahl ist weiterhin die häufigste Form der Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen in Katar. Das System zur Aufdeckung und Reaktion auf verspätete und nicht gezahlte Löhne funktioniert noch nicht. Außerdem wurde der Mindestlohn seit 2021 nicht erhöht, obwohl bei seiner Einführung eine regelmäßige Überprüfung angekündigt wurde.

Obwohl es inzwischen fünf Streitschlichtungskomitees gibt, vor denen Arbeitsmigrant*innen theoretisch ihr Recht einklagen können, gibt es dafür weiterhin große Hürden. Zu ihnen zählt, dass man sich Land aufhalten muss, um seinen Fall vorzubringen. Diese Streitschlichtungskomitees wurden eingerichtet, um den Zugang zur Arbeitsgerichtsbarkeit für Arbeitsmigrant*innen zu verbessern.

Hausangestellte, zumeist Frauen, sind nach wie vor besonders schwerwiegenden Verstößen ausgeliefert. Die Regierung hat im vergangenen Jahr wenig unternommen, um diese Arbeitskräfte besser zu schützen und die Verantwortlichen für Arbeitsrechtsverletzungen vor Gericht zu stellen.

Abhilfe und Entschädigung

Die FIFA hat mit der Weltmeisterschaft in Katar Rekordeinnahmen von 7,5 Milliarden US-Dollar erzielt. Damit kann und muss auch eine Entschädigung für verursachtes Leid erfolgen.

Auch ein Jahr nach der WM bleiben die Versprechungen für einen Fonds für Arbeitsmigrant*innen jedoch vage, auch die Ergebnisse der Überprüfung der Entschädigungsmechanismen liegen noch nicht vor.

Hintergrund Wie Amnesty International dokumentiert hat, wurden während der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar hunderte Arbeitsmigrant*innen, die als Sicherheitskräfte und Ordner*innen an den Austragungsorten eingesetzt und mit Kurzzeitverträgen beschäftigt wurden, ausgebeutet. Dazu gehörte, dass die Arbeitnehmer*innen rechtswidrige Vermittlungsgebühren zahlten, über ihre Arbeitsplätze getäuscht wurden und übermäßig lange arbeiten mussten, ohne freie Tage als Ausgleich zu erhalten. Fast ein Jahr später haben sie immer noch keine Entschädigung erhalten.



Das Amnesty-Briefing "A Legacy in Jeopardy" kannst du auf www.amnesty.at als PDF-Datei herunterladen.

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